Wassertropfen

Wasser in Tropfenform ist eigentlich gar nicht so schwer. Darum habe ich für diesmal ein solch’ feuchtes Motiv ausgewählt. Wie immer behandle ich aber erst ein wenig die Grundlagen. Je mehr Sie nämlich über die Theorie Bescheid wissen, desto leichter wird Ihnen später einmal die Übertragung Ihrer Kenntnisse auf andere, ähnlich gelagerte Motive gelingen.

Beginnen wir mit der Vorzeichnung. Wasser ist in seinem Grundzustand flüssig. Man könnte auch sagen, seine Moleküle lassen sich leicht gegeneinander verschieben. Zwischen den einzelnen Molekülen eines Wassertropfens bestehen jedoch Anziehungskräfte, die „Kohäsionskräfte“. Innerhalb des Tropfens heben diese Kräfte sich gegenseitig auf. An der Oberfläche aber ist die Kraft, die nach innen zieht erheblich größer, da von außen ja keine Gegenkraft wirkt. Dadurch entsteht die sogenannte „Oberflächenspannung“.

Die Oberflächenspannung wiederum bewirkt, daß flüssige Materialien bestrebt sind, eine Form anzunehmen, die die kleinste Oberfläche bei gegebenem Volumen hat. Diese Bedingung erfüllt am besten die Kugel. (1 ccm hat als Kugel die Oberfläche von 4,8 qcm, als Würfel schon 6 qcm.) Und darum werden Sie bei Wassertropfen nie irgendwelche Ecken und Kanten finden. Wenn Sie diese theoretischen Grundüberlegungen jedesmal anstellen, kann Ihnen keine Vorzeichnung mißlingen.

VorzeichnungMeine Vorzeichnung habe ich, nach einem groben Skribble, nur mit verschiedenen Ellipsenschablonen gelöst (Abbildung links anklicken oder als PDF-Datei). Auch die langen, leicht geschwungenen Senkrechten beim „H“ sind Teile von Ellipsen.

Häufig stellt sich die Frage, in welcher Größe eine Illustration angelegt werden sollte. Dafür gibt es eine ganz einfache Regel: Die kleinste Teilfläche, die Sie bearbeiten müssen, darf keine Schwierigkeiten bereiten. Und nach dieser kleinsten Fläche richten sich alle anderen Größenverhältnisse.

Abbildung 1Nachdem Sie die Vorzeichnung übertragen haben, maskieren Sie bitte die ganze Fläche. Schneiden Sie lediglich die äußeren Konturen der Buchstaben aus und lassen Sie die Buchstaben selbst zugeklebt. Maskierte Partien werden ab sofort durch die gerasterte Fläche dargestellt. Die Außenfläche überspritzen Sie nun mit einem gleichmäßigen Ton. Es muß natürlich nicht Grün sein.

Abbildung 2Ohne die Maske zu verändern wird anschließend mit Schwarz (eigentlich mit der Komplementärfarbe des Untergrundes. Dafür benötigt man aber viel Erfahrung – das Ergebnis wirkt allerdings auch natürlicher) der Schatten gespritzt, den die Buchstaben auf den Untergrund werfen. In unserem Beispiel kommt das Licht von links oben, also müssen die Schatten rechts und unten sein.

Sollte sich der oder die eine oder andere von Ihnen darüber wundern, wie da überhaupt ein Schatten entsteht, wo doch Wasser durchsichtig ist, kann ich ihm oder ihr jetzt nur empfehlen, sich ein gutes Physikbuch zu besorgen und das Kapitel Optik zu studieren. Insbesondere das Kapitel über Lichtbrechung beim Übertritt von einem dichten in ein nicht so dichtes Medium ist zur Aufklärung interessant. Wer noch etwas warten kann: Sobald ich Zeit finde, eine eigene Rubrik „Theorie“ in die digitale Airbrush-Zeitung zu integrieren, werde ich dieses Phänomen dort erklären.

Die Übung, die ich Ihnen diesmal vorstelle, ist übrigens auch ein gutes Argument für mehr als eine Spritzpistole. Ich habe zum Beispiel in der einen Grün und in der anderen Schwarz. So spare ich mehrmals das doch recht zeitintensive Reinigen zwischen den einzelnen Arbeitsgängen.

Nachdem Sie den Schatten fertig haben, entfernen Sie bitte die bisherige Maske vollständig und kleben die gesamte Illustration neu ab. Jetzt müssen Sie sehr genau schneiden. Fehler beim Schneiden wirken sich auf zwei unterschiedliche Arten aus. Entweder, Sie schneiden einen Teil des Hintergrundes mit frei, dann entstehen durch mehrmaliges Überspritzen dunkle Kanten, oder Sie lassen einen Teil der Buchstaben zugeklebt, dann entstehen weiße Blitzkanten. Die dunklen Kanten können Sie nicht mehr reparieren, sie wirken sich aber auch nur geringfügig negativ aus. Meist sind sie nach der Verkleinerung kaum noch zu sehen. Die Blitzer dagegen können Sie mit Buntstift meist nachträglich retuschieren. Die einfachste Methode, solche Fehler zu vermeiden, ist, sie gar nicht erst zu machen. Banal, aber wahr! Je mehr Übung Sie haben, desto leichter wird Ihnen genaues Schneiden fallen. Arbeiten Sie lieber langsam, denn beim Airbrushen kommt es mehr auf Genauigkeit als auf Geschwindigkeit an.

Abbildung 3In diesem Arbeitsschritt werden die Innenteile der Buchstaben freigeschnitten. Spritzen Sie jetzt im gleichen Grün wie den Hintergrund die freigelegten Flächen. Achten Sie bitte darauf, daß im Innern der Buchstaben der Untergrund etwas heller bleibt, als der Hintergrund. Das kommt daher, weil das leicht gewölbte Wasser wie ein Brennglas das einfallende Licht in bestimmten Partien konzentriert. Diese helleren Stellen sind an den dem Lichteinfall gegenüberliegenden Außenkanten der Buchstaben (also rechts und unten) ein wenig breiter als auf den anderen Seiten.

Abbildung 4Der nächste Arbeitschritt wird wieder mit Schwarz (für die Profis unter Ihnen: Komplementärfarbe, also Rot) ausgeführt. Auf den Seiten, von wo das Licht einfällt – und nur dort! – wird die Form der Buchstaben mit Schwarz vertieft. Vom Tonwert her bekommt das Schwarz die gleiche Intensität, wie die Schatten außerhalb der Buchstaben. Um das mit den bereits gespritzten Schatten zu vergleichen, müssen Sie sich die Farbe von der Maskierfolie abwischen, sonst wird es zu dunkel.

Abbildung 5Im letzten Arbeitsschritt werden schließlich die Lichtreflexe ausgearbeitet. Sie geben dem Schriftzug sozusagen den letzten Schliff. Wasser hat eine so glatte Oberfläche, daß diese Reflexe sich ganz scharfkantig abbilden, Sie können sie also maskieren und müssen nicht freihändig arbeiten. Kleben Sie die gesamte Illustration wieder ab und legen anschließend nur die Reflexe frei. Die Reflexe haben, wie Sie leicht feststellen können, alle in etwa die gleiche Richtung. Was Wunder, wurden sie doch von ein und derselben Lichtquelle hervorgerufen. Hier habe ich ein Fenster simuliert mit einer Querstrebe darin.

Gespritzt werden die Reflexe mit deckendem Weiß (ich persönlich liebe Aerocolor, doch auch Illucolor oder andere Airbrushfarben können verwendet werden) so, daß die Seite zur Lichtquelle hin fast deckend ist und zum Buchstabeninneren immer mehr verläuft.

Fertige IllustrationMit Spritzen sind Sie fertig. Was bleibt, ist das „Demaskieren“. Ziehen Sie die Folie möglichst nicht in einem Stück ab, sondem trennen Sie sie vorher. Die Gefahr, eine an sich gute Arbeit ganz am Schluß noch zu „versauen“, wird dadurch geringer.

Die vorstehende Arbeit habe ich bereits einmal in einer der ersten gedruckten Ausgaben (2/86) veröffentlicht. Für die digitale Version habe ich die Arbeitsschritte nochmals nachvollzogen. Diesmal habe ich keine Eiweißlasurfarbe verwendet, sondern spritzfertig angemischte Acrylfarben, weil die Brillianz besser ist. Und natürlich sind die Arbeitsschritte identisch, wenn man statt Grüntönen irgendeine andere Farbe verwendet. Lediglich auf weißem Untergrund gibt es ein Manko: Die im inneren helleren Buchstaben lassen sich nur darstellen, wenn man den Hintergrund wenigstens mit einem Hauch von Grau anlegt.

Sagen Sie es weiter, bitte: