Norbert Cames

Das Interview aus Ausgabe 2/86

Norbert Cames habe ich Anfang der 80er Jahre bei einem Händler in Düsseldorf kennengelernt, wo er sich gerade für die Paasche-Turbo interessierte und ich ein Seminar gab. Wir haben uns spontan ganz gut verstanden und er erklärte sich sofort mit einem Interview einverstanden. Später hat er noch einige meiner Airbrush-Technik Übungsbücher illustriert, ehe wir uns leider aus den Augen verloren haben.

Eine aktuelle Recherche ergab, dass er inzwischen wohl in Berlin lebt und sich voll und ganz der freien Kunst verschrieben hat. Im Internet hatte ich eine eigene Homepage von Norbert entdeckt, die aber leider nicht mehr erreichbar ist.

Doch lesen sie im folgenden Text, was Norbert vor mehr als 20 Jahren, in der Ausgabe 2/86 der gedruckten Airbrush-Zeitung, zu sagen hatte – es ist nach wie vor aktuell. (CMM)

Der Illustrator Norbert Cames

Norbert CamesUnser Interview diesmal führten wir mit einem Mann, der sich in wenigen Jahren zu einem der führenden Illustratoren hochgearbeitet hat. Besonders faszinierend seine autodidaktisch geplante und durchgeführte Ausbildung. Unserer Meinung nach ein Beispiel und Ansporn für alle, die einen ähnlichen Weg beschreiten wollen.

Norbert Cames, geboren am 1. Sept. 1953 in Mönchengladbach, wo er auch heute noch (Anm. d. Red.: Siehe Vorlauftext) lebt, verzichtete ganz bewusst auf eine klassische Ausbildung an einer Hochschule und lernt sein Handwerk von der Pike auf.

Airbrush-Zeitung: Erzählen Sie uns etwas über Ihren beruflichen Werdegang.

Norbert Cames: Berufswahl war für mich noch nie eine Frage. Malen war mein Leben lang die Möglichkeit, aus der Rolle zu fallen. Bereits in meiner Schulzeit war es mein absolutes Lieblingsfach. Meine einzige Überlegung nach der Schule war: Studiere ich oder lerne ich erst einen Beruf, der ein Studium unterstützt. Ich entschloss mich zu einer Lehre als Lithograph. Dabei war mir von Anfang an klar, dass ich nicht Lithograph bleiben würde.

Airbrush-Zeitung: Welche Arbeitstechniken haben Sie denn während Ihrer Lehrzeit gelernt?

Dose mit TomatenNorbert Cames: Nun, zum Ausbildungsziel gehörten: Federzeichnen, Kohlezeichnen, Zeichnen auf Film, Aquarellmalerei, aquarellieren mit transparenten Farben auf Film, Spritztechniken mit einer Zahnbürste oder einem Sieb und – natürlich – auch Arbeiten mit einem Spritzapparat. Viele dieser Techniken werden in anderen, ähnlichen Berufen überhaupt nicht gelehrt.

Airbrush-Zeitung: War’s denn immer so abwechslungsreich, wie es jetzt klingt?

Norbert Cames: Nein, natürlich gab es auch viele recht langweilige Arbeiten, aber, wie ich schon gesagt habe: Mein Ziel war es ja letztendlich nicht, auf immer und ewig in diesem Beruf zu bleiben.

Nach der Bundeswehr stand ich dann wieder vor der Frage: Studium oder autodidaktisch weitermachen. Zusammen mit meiner Frau habe ich mich für die zweite Möglichkeit entschieden. Ich war von jeher ein sehr disziplinierter Arbeiter und eine Entwicklung nach Lehrplan schien mir zu langsam. Allerdings war mir schon klar, dass ich einige Jahre sehr intensiv an mir und meinen Fähigkeiten würde arbeiten müssen.

Airbrush-Zeitung: Das wird sicherlich viele interessieren, die sich in einer ähnlichen Lage befinden. Auf welchem Weg sind Sie Ihrem Berufswunsch denn näher gekommen?

PfanniNorbert Cames: Ich habe mich auf Stellenanzeigen gemeldet, für die ich mich eigentlich nicht qualifiziert genug fühlte. Es wurden „Top-Reinzeichner“ gesucht.

Reinzeichnungen hatte ich ja kaum gemacht, aber ich wusste aus der Druckerei, wo ich gelernt hatte, was da verlangt wurde. Mit einigen bereits recht ausgereiften Arbeiten habe ich mich vorgestellt – und die Stelle bekommen. Jetzt hieß es, die Gelegenheit zu nutzen.

Airbrush-Zeitung: Aber Reinzeichner wollten Sie ja sicherlich auch nicht bleiben?

Norbert Cames: Natürlich nicht! Aber ich wusste, dies ist nur eine Sprosse auf der Leiter zum Illustrator. Und die nächste Sprosse bekam ich dann in der Agentur vor Augen geführt: Layouter. Jeder, der die hierarchische Struktur einer Agentur kennt, weiß, wie schwer es ist, hochzukommen.

Airbrush-Zeitung: Frust auf der ganzen Linie?

KatzeNorbert Cames: Aber überhaupt nicht! Diese Zeit zähle ich heute mit zu meiner Grundausbildung, ohne die es viel schwerer geworden wäre. Und außerdem habe ich vom ersten Tag an ja auf mein Gesamtziel hingearbeitet. Schon sehr früh bekam ich in der Agentur kleine schwarz-weiß Illustrationen und später dann auch farbige. Ich hatte ja noch keine eigene Stilrichtung und konnte deshalb leichter bestimmte Stile kopieren. Durch mein ständiges Arbeiten mit allen nur möglichen Techniken wussten die in der Agentur, dass da einer sitzt, der kriegt das ähnlich hin.

Airbrush-Zeitung: Helfen Ihnen die Kenntnisse aus jener Zeit heute?

Norbert Cames: Ja, es ist sogar ein besonderer Vorteil, denn wenn ich zum Beispiel nur mit Buntstiften arbeiten würde, dann würden sich ja von vornherein alle anderen Aufträge ausschließen. Ich habe jetzt die Freiheit, bei schwierigen Aufträgen – und ich habe fast nur noch schwierige Aufträge – die Technik dem Auftrag anzupassen.
Airbrush-Zeitung: Wann haben Sie sich entschlossen, sich als freiberuflicher Illustrator niederzulassen?

BlinkerNorbert Cames: 1981. Das war ein recht schwieriger Schritt. Zu der Zeit war unsere Tochter bereits vier Jahre alt und auf große Experimente wollten wir uns nicht einlassen. Darum haben wir unsere große Wohnung gekündigt, die teuren Möbel verkauft und versucht, alle Fixkosten so niedrig wie nur irgend möglich zu halten. Mein erster Arbeitsraum war ein Teil unseres Wohnzimmers.

Airbrush-Zeitung: Bei einem früheren Gespräch haben Sie uns erzählt, dass die Dunkelkammer unterm Wohnzimmertisch war. Würden Sie das bitte für unsere Leser wiederholen?

Norbert Cames: Kompromisse waren nicht nur aufgrund der Möbel, sondern auch vom Arbeitsplatz her nötig. Es fehlte ein professionelles Studio. Ich musste auf kleinstem Raum alles unterbringen, was ich zum Arbeiten benötigte. Also war meine Dunkelkammer unterm Tisch. Da kam eine schwarze Decke drüber und ich konnte meine Rollfilme entwickeln.

Ähnlich trickreich ging es bei großformatigen Spritzarbeiten zu. Im Wohnzimmer war das nicht möglich, also habe ich mir auf dem Balkon mit Latten und Plastikfolie eine Art Windabhaltevorrichtung gebaut Selbst im Winter, dann eben mit einer dicken Jacke, habe ich dort zum Beispiel tolle Verläufe gespritzt Heute ist das aber nicht mehr nötig, da ich gute Atelier-Räume besitze.

Airbrush-Zeitung: Wann haben Sie denn begonnen, auch die Spritzpistole in Ihre Arbeitstechniken mit einzubeziehen?

HechtNorbert Cames: Den ersten Kontakt dazu bekam ich während meiner Lehre. Ich musste eine Kugel spritzen. In der Agentur später sah ich häufiger Bilder, die mit der Spritzpistole gemacht waren und ich erkannte die Notwendigkeit, mich mit ihr anzufreunden. Anfangs habe ich für meine Übungen die agentureigene Pistole ausgeliehen, später habe ich dann meine erste eigene gekauft.

Airbrush-Zeitung: Gab es denn außer dem Selbststudium damals Möglichkeiten, den Umgang mit der Spritzpistole zu erlernen? Seminare zum Beispiel?

Norbert Cames: Soweit ich weiß, nein. Ich war auch immer schon, wie bestimmt die meisten Kollegen, mehr der Typ ‚Einzelkämpfer‘. Illustrationen sind ganz selten eine Teamarbeit. Ein guter Illustrator zum Beispiel ist ein Mensch, der es schafft, eine Arbeit im Kopf fertig zu machen und dabei alle möglichen Schwierigkeiten zu erkennen. Die kann er dann später leichter vermeiden.

Airbrush-Zeitung: Eine gute Gelegenheit zu fragen, wie Sie das Verhältnis Vorbereitungsarbeiten zu den eigentlichen Spritzarbeiten einschätzen.

Angel-RolleNorbert Cames: Das kann ich eigentlich nur pauschal beantworten. Ich brauche soviel Zeit zum Vorbereiten, wie nötig, um jeden möglichen Fehler von vornherein auszuschalten. Dass das nicht hundertprozentig gelingt, ist klar – aber doch meistens. Je länger ich an der Vorplanung sitze, desto besser und einfacher erreiche ich mein Ziel.

Airbrush-Zeitung: Würden Sie diese Regel auch Einsteigern in die Airbrush-Technik empfehlen?

Norbert Cames: Auf jeden Fall! Ein falsch gespritzter Verlauf lässt sich nicht mehr wegradieren oder wegschaben. Dann heißt’s neu anfangen. Jede Art von Flicktechnik sieht man später auch als Flickstelle.

Airbrush-Zeitung: Dabei muss man ja eine ziemliche Geduld entwickeln. Ehe das erste Mal ein Ergebnis zu sehen ist, vergeht sicher eine Menge Zeit.

Norbert Cames: Mit den Jahren zahlt jeder in dieser Hinsicht Lehrgeld. Was sich kein Illustrator leisten sollte, sind ausgebesserte Arbeiten! Auch bei engen Terminen für meine Aufträge bedeutet für mich ein Fehler, dass ich neu anfange. Ich kann es mir nicht leisten, mein so mühsam erreichtes Niveau dadurch aufs Spiel zu setzen. Einmal musste ich, nachdem die zur Verfügung stehende Zeit halb rum war, neu anfangen. Das hat mich einige Nächte gekostet. Da hat man nur noch die halbe Zeit und muss doch das gleiche Niveau abliefern. Ein Horror für mich, den ich mit Freuden durch intensivere Vorarbeiten zu vermeiden suche.

Airbrush-Zeitung: Da arbeiten Sie zum Beispiel 10 Tage an einer Illustration und müssen ‚nur‘ noch einige Lichter aufsetzen. Wie ergeht es Ihnen dabei innerlich?

Reise-MotivNorbert Cames: Davor habe ich keine Angst mehr, das ist mir einfach zu oft gelungen. Heute gehe ich nicht mehr davon aus, dass irgendetwas ‚schiefgeht‘. Wenn ich ein Licht aufspritze, dann habe ich auch meine Sicherheitsmaßnahmen. Ich nehme mir einen schwarzen Karton, dosiere die Stärke des Strahls dicht an der Stelle, wo er auftreffen muss und bewege die Pistole einfach dorthin.

Airbrush-Zeitung: Welches Weiß verwenden Sie denn?

Norbert Cames: Unterschiedlich –wenn ich in Tempera arbeite, verwende ich natürlich ein dazu passendes Weiß. Arbeite ich mit Eiweißlasurfarben, versuche ich, das Weiß des Kartons zu verwenden. Ähnlich wie bei einem guten Aquarell. Manchmal gehe ich auch nachträglich mit einem harten Radiergummi oder einer Rasierklinge an solche Stellen.

Airbrush-Zeitung: Wie ist das bei überstrahlenden Lichtern? Es ist doch schwierig, solche Stellen freizuhalten, weil das Licht über mehrere Farbflächen strahlen kann.

Norbert Cames: Es macht mir Spaß, Tricks auszudenken, um solche Probleme zu lösen. Übrigens ist jede Illustration von vorne bis hinten eine einzige Problemlösung. Angefangen bei der Wahl des Materials, vom Karton, welche Schablone ich benutze, permanent hat man mit Fragen zu tun. Die Lösung solcher Probleme macht mir genau so viel Spaß wie die Arbeit selbst. Bei Überstrahlungen zum Beispiel kann man die Stelle freihalten, indem man fettfreie Knetmasse (Fotohandel) zu einer Kugel formt und auf den Untergrund platziert. Während der Spritzarbeit bleibt die Stelle annähernd weiß. Später überarbeite ich sie dann noch mit Radiergummi oder einer Rasierklinge.

Airbrush-Zeitung: Sie haben Ihre Maskiermittel angesprochen, also Schablonen oder Klebefolie. Was verwenden Sie alles?

Norbert Cames: Ich verwende alles. Ich bin nämlich der Meinung, dass es kein ‚optimales‘ Material gibt. Jedes Material hat seine Stärken und seine Schwächen.

Airbrush-Zeitung: Entwickeln Sie Ihre Tricks während der Vorarbeiten oder erst bei der eigentlichen Illustration?

PfennigNorbert Cames: Meistens während der Vorarbeiten. Sowas kommt fast jeden Tag einmal vor, dass mir wieder was Neues einfällt. Es kann durchaus vorkommen, dass ich mir die Nudelrolle aus der Küche hole oder der Kamm ist mit Farbe verklebt…

Airbrush-Zeitung: Was ist mit dem Zeitdruck?

Norbert Cames: Meine Hauptauftraggeber sind Werbeagenturen. Dort wird meistens bis zum letzten Moment am Konzept gearbeitet. Zur Realisation bleibt dann oft nur ein eng begrenzter Zeitraum. Gehört man schließlich noch zu den ständig über Wochen ausgebuchten Illustratoren, werden die Termine (inklusive Wochenenden) extrem überreizt. Ich habe dann Aufträge zu kalkulieren, die ich im Detail noch nicht kenne. Da kommt es vor, dass sich ein Auftrag wesentlich aufwendiger entwickelt als vorauszusehen war. Doch die Qualität und der Termin sind unbedingt einzuhalten. Das ist dann schon sehr anstrengend.

Airbrush-Zeitung: Sicher müssen Sie dann eine Menge Sturheit entwickeln, um nicht gleich loszulegen, sondern genauso sorgfältig zu planen wie sonst auch.

Norbert Cames: Disziplin ist das.

Airbrush-Zeitung: Sind gerade deshalb die Japaner führend, weil sie von Haus aus Disziplin kennen?

Norbert Cames: Ja, sicher. Jeder gute Illustrator muss diszipliniert und zielstrebig sein. Und er muss sich begeistern lassen können. Selbst wenn es mal nicht so gut läuft, muss man in der Lage sein, sich zu motivieren. Gelegentlich kommt es vor, dass ich während eines Auftrages zwei bis drei Pfund in der Woche verliere, so stresst mich das manchmal. Trotzdem, wenn dann die Arbeit fertig ist, fange ich wieder mit der gleichen Begeisterung die nächste an.

Airbrush-Zeitung: Das Spektrum Ihrer Arbeiten ist ja sehr breit. Erzählen Sie uns was darüber.

Norbert Cames: Das ist nur natürlich, da ich mich eigentlich nie auf bestimmte Themen spezialisiert habe. Alles, was sich fotografisch nicht so perfekt darstellen lässt, wird meist illustriert. Obwohl ich eine Zeitlang auch Filmplakate entworfen und gemalt habe, möchte ich mittlerweile das rein ‚figürliche‘ ausschließen. Wenn ich mehrere Aufträge an Stills oder Sachdarstellungen gemacht habe, fällt mir eine ‚locker‘ figürliche Darstellung sehr schwer.

Airbrush-Zeitung: Woher nehmen Sie Ihre Vorlagen?

ReifenNorbert Cames: Ich versuche seit Jahren, so viele Bilder im Kopf zu haben, wie es nur geht. Die ich ständig zum Vergleich abrufen kann. Außerdem habe ich inzwischen ein ziemlich gutes Archiv, das als Informationsquelle recht hilfreich ist. Wer weiß schon aus dem Kopf mit Sicherheit, wie viele Panzerglieder ein Flusskrebs hat? Manchmal ist es sogar nötig, eine Vorlage zu besorgen, wie bei einem Auftrag mit einem Hecht. In kurzer Zeit konnte ich keine Abbildung von einem ganz bestimmten Hecht bekommen, zum Glück konnte ich ein ‚Original‘ kaufen.

Airbrush-Zeitung: Wie haben Sie denn damit gearbeitet? Lag er als Vorlage auf dem Tisch?

Norbert Cames: Ja.

Airbrush-Zeitung: Auch nach drei Tagen noch?

Norbert Cames: Ich habe mir ein gutes Polaroid gemacht und dann den Hecht eingefroren. Das Polaroid diente dazu, die groben Konturen festzulegen. Wenn es dann an Einzelheiten ging, wie die Schuppen oder die Augen, habe ich den Hecht wieder aufgetaut. Manchmal roch’s nicht mehr so gut.

Airbrush-Zeitung: Apropos riechen. Wie schützen Sie sich denn, wenn Sie arbeiten? Tragen Sie eine Maske?

Norbert Cames: Nein, das wäre ein Fremdkörper im Gesicht. Ich lasse einen Zimmerventilator laufen und blase alles gleich zum Fenster raus.

Airbrush-Zeitung: Kommen wir zurück auf die Technik. Sie arbeiten sicher nicht nur mit der Spritzpistole, sondern mischen Ihre Techniken auch, oder?

Norbert Cames: Ja, ich setze die Mittel ein, die mir ideal erscheinen. Ich würde auf keinen Fall einen Pinselstrich mit der Spritzpistole imitieren. Es widerspricht sich ja auch nicht, wenn man mit der Spritzpistole arbeitet und dazu Buntstifte oder Pinsel einsetzt. Man kann alles mischen. Jedes Werkzeug hat einen ganz bestimmten Charakter. Mit der Spritzpistole diesen Charakter nachzuahmen, kann nur halb so gut sein, wie das Originalmittel. Bei der Illustration des Pfennigs habe ich die Kratzer mit einer Rasierklinge eingearbeitet.

Airbrush-Zeitung: Wieso sind Sie überhaupt darauf gekommen, zu kratzen?

Cover-Illustration für ART DIRECTOR'S INDEX No. 6Norbert Cames: Nun, ich habe zuerst versucht, einen neu geprägten Pfennig zu illustrieren. Das erschien mir dann allerdings zu steril. Darum habe ich mir die Oberfläche einmal mit dem Fadenzähler angesehen. Da waren selbst in einem ganz frisch geprägten Pfennig kleine Kratzer zu erkennen. Nachdem ich ihn gespritzt hatte, bin ich mit grobem Schmirgelpapier und einer Rasierklinge drangegangen und habe die Kratzer reingebracht Hinterher habe ich sie durch leichtes Überspritzen wieder etwas abgeschwächt.

Airbrush-Zeitung: Wie groß wurde das Original angelegt?

Norbert Cames: In der gleichen Größe, wie er abgebildet werden sollte, also etwa zweimal Handtellergröße.

Airbrush-Zeitung: Arbeiten Sie meistens 1:1?

Norbert Cames: Das kommt auf das Motiv an. Sind es Dinge, die von vorne bis hinten gespritzt werden müssen, muss man die kleinste Stelle noch gut bearbeiten können. Dabei kommen schon mal Formate bis zu 70 x 100 cm heraus.

Airbrush-Zeitung: Bei Ihren kommerziellen Arbeiten, die von irgendeiner Agentur kommen, sind doch meist die Inhalte schon ziemlich weit vorgekaut. Fühlen Sie sich dabei nicht gelegentlich unterfordert?

Norbert Cames: Das Konzept, die Idee steht fest Die hat der Kunde meist schon abgesegnet, wenn ich den Auftrag erhalte. Meine Arbeit beginnt bei der Komposition der einzelnen Bildinhalte. Diesen Bereich lasse ich mir auch ungerne abnehmen. Nehmen Sie zum Beispiel das Thema ‚Autoreifen‘. Im Layout war dem Kunden die Idee bereits verkauft. Die Spiegelung des Doms von Fulda war jedoch eine neue Idee. Ich bekam den Auftrag also mit einem anders aussehenden Layout und einer Luftaufnahme des Doms in schwarz-weiß. Die Radkappe und das Steingeländer an dieser Stelle und sogar die Proportionen und die Perspektive des Reifens ist reine freie Konstruktion. Solche Arbeiten werden in den Agenturen für ein Layout nicht genau ausgearbeitet, sie bleiben immer eine komplette Arbeit für den Illustrator. Man kann sagen, je besser der Illustrator, umso mehr verlässt sich die Agentur auf seine Arbeit. Ich habe selbst Aufträge nur am Telefon besprochen, sie dann dem Kunden zugeschickt und es gab keine Probleme.

Airbrush-Zeitung: Bevorzugen Sie bei Ihrer Arbeit irgendwelche besonderen Materialien, wie bestimmte Farben oder Untergründe?

Norbert Cames: Da lasse ich mich nicht festlegen und werde mich auch in Zukunft nicht einengen lassen. Bei meinen Arbeitsgeräten ist das etwas ganz anderes. An die habe ich mich im Lauf der Zeit schon so gewöhnt, dass die Spritzpistolen, mit denen ich arbeite, fast schon zu einem zusätzlichen Finger geworden sind. Aus diesem Grund arbeite ich auch ausschließlich mit den sogenannten Single-Action-Bedienungshebeln.

Airbrush-Zeitung: Aber ich erinnere mich, dass wir uns dank einer Turbo-Spritzpistole kennengelernt haben. Was ist daraus geworden?

Norbert Cames: Ich hatte davon gelesen und musste das Ding einfach haben. Es war sündhaft teuer damals für ein Experiment. Daran kann man aber auch sehen, wie besessen ich hinter allen Neuigkeiten her bin. Zurechtgekommen bin ich damit nicht besonders, weil es mir zu umständlich war, über Eck zu spritzen. Und dann die vielen Einstellmöglichkeiten! Das lenkte den Kopf zu sehr ab. Aber ausprobieren musste ich es.

Airbrush-Zeitung: Wie steht’s mit der Pflege der Pistolen?

Norbert Cames: Die könnte besser sein. Aber dafür habe ich ja mehrere Spritzapparate. Wenn mal eine nicht so ganz sauber ist, wie sie sein sollte, kann ich blitzschnell umsteigen. Solange ich arbeite, bleibe ich stur dabei. Später wird dann die Reinigung nachgeholt.

Airbrush-Zeitung: Es gibt ja auch kritische Farben für die Pistole, wie zum Beispiel Acryl. Lassen Sie die auch gelegentlich drin?

Norbert Cames: Dann bin ich gezwungen, die Pistole ständig sauber zu halten. Gelegentlich kommt es aus diesem Grund dazu, dass ich mich für eine andere Arbeitstechnik entscheide. Dabei bin ich im Grunde ein Materialfetischist. Ein neuer Pinsel kann mich schon mal früh aus dem Bett holen, weil ich unbedingt damit arbeiten will.

Airbrush-Zeitung: Als Antrieb verwenden Sie einen Kompressor. War das schon immer so?

Norbert Cames: Zu Anfang war das eine Kostenfrage. Da war Kohlensäure preiswerter. Später habe ich mir einen Kompressor angeschafft. Das ständige Auswechseln und die Unsicherheit, wann geht sie zu Ende, war mir doch zu zeitaufwendig und zu störend. Heute komme ich wunderbar mit dem Kompressor klar. Nur die Familie fühlt sich manchmal ein wenig gestört.

Airbrush-Zeitung: Uns würde noch interessieren, wie Sie die zukünftige Entwicklung der Airbrush-Technik einschätzen.

Norbert Cames: Illustrationen ohne Airbrush kann ich mir nicht mehr denken. Bestimmte Bereiche sind ohne Spritztechnik einfach nicht so perfekt hinzukriegen. Vielleicht kommt nach dem augenblicklichen Boom mal wieder eine Trendwende, aber ganz verschwinden wird die Spritzpistole nie mehr.

Airbrush-Zeitung: In Ihrer Wohnung ist kaum noch ein freier Platz an den Wänden. Alles hängt voller freier Arbeiten von Ihnen. Haben Sie eigentlich auch schon Ausstellungen beschickt?

Norbert Cames: Es gab eine Zeit, da lag mein Schwerpunkt auf den freien Arbeiten. Da haben wir davon gelebt und natürlich habe ich auch schon einige Ausstellungen gehabt.

Airbrush-Zeitung: Wie denken Sie sich Ihre persönliche Entwicklung?

Ausgabe 2/86Norbert Cames: Ich möchte durch interessante und schwierige Aufgaben stets gefordert sein. Da ich mich dem Druck der Branche etwa nur noch 10 Jahre aussetzten möchte, denke ich daran, mein Fachwissen und die Erfahrungen professionell weiterzugeben. Oder die freie künstlerische Arbeit wieder mehr zum Mittelpunkt zu machen.

Airbrush-Zeitung: Letzte Frage. Möchten Sie denen, die jetzt anfangen, irgendwelche Tipps mit auf den Weg geben, die Sie für unheimlich wichtig halten?

Norbert Cames: Der große Tipp, den ich geben kann, ist einfach. Man soll sich nie überfordern, damit man auf keinen Fall an einem Auftrag scheitern kann. Wenn ein anderer einen verpfuschten Auftrag neu oder fertig machen muss, ist man weg vom Fenster. Sowas darf mir auch heute noch nicht passieren. Man soll sich nicht eine Technik heraussuchen, die zwar bei anderen gut aussieht, die man aber noch nicht völlig beherrscht.

Airbrush-Zeitung: Herr Cames, wir bedanken uns für dieses Gespräch.

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