André Roche

Das Interview aus Ausgabe 3/86

Das dritte Interview führte ich mit André Roche, einem Illustrator, den ich kurz vorher in München kennengelernt hatte. Seinen Werdegang fand ich sehr interessant. Er belegt, dass man nicht unbedingt Kunst studieren muss, um erfolgreich als Illustrator arbeiten zu können. André ist wohl auch heute noch sehr aktiv – seine Homepage und ein Wikipedia-Eintrag belegen dies. (CMM)

Der Illustrator Andre Roche

André RocheWenn das nicht international ist: nach einem Engländer und einem Deutschen stellen wir Ihnen diesmal einen Franzosen vor, der in München lebt und arbeitet. André Roche, geboren 1952 in Südfrankreich, ist ein weiteres gutes Beispiel für eine autodidaktische Ausbildung.

Airbrush-Zeitung: Bitte erzählen Sie unseren Lesern zuerst einmal etwas über Ihren Weg zur Illustration.

Abbildung 1André Roche: Ich selbst durfte schon als Kind sehr viel malen, ohne dass – wie in vielen Familien -Bemerkungen fallen wie z. B. „Was soll denn das darstellen?“ oder „Ein Baum schaut doch nicht so aus!“. Ich glaube, dass durch diese wohlgemeinten „Hilfestellungen“ die Kinder gar nicht erst dazu kommen, Selbstvertrauen und künstlerisches Talent zu entwickeln. Sehr wichtig ist in diesem Stadium eigentlich nicht so sehr die grafische Handfertigkeit, sondern die Fantasie, die dabei mobilisiert und entfaltet wird. Aufgrund meiner Begabung waren meine Eltern damals felsenfest überzeugt, dass ich eine Kunstakademie besuchen würde. In meiner Familie war der Trend in Richtung Kunst eigentlich vorgezeichnet. Viele meiner Verwandten und Bekannten haben Kunstakademien und Fachschulen besucht. Das hat immer viel Arbeit verursacht und viel gekostet, aber gut davon leben konnte hinterher eigentlich keiner. Also habe ich eine Hotelfachausbildung absolviert, weil das krisenfest ist und seinen Mann besser ernährt. So kam ich auch nach Deutschland, denn man braucht in diesem Beruf die deutsche Sprache.

Airbrush-Zeitung: Das war ja sozusagen der kürzeste Umweg. Wie aber sind Sie denn danach zur Grafik gekommen?

Abbildung 3André Roche: Eigentlich durch reinen Zufall. Ich hatte trotz meines sehr zeitraubenden Studiums und späteren Berufs das Zeichnen zum Leidwesen meiner Lehrer und Vorgesetzten nie aufgegeben, und so hat ein Arzt, der gerade einen Karikaturisten für ein Buch suchte, an dem er gerade arbeitete, von mir gehört und angeboten, mitzumachen. Das hat mich verblüfft, aber auch begeistert. Das gedruckte Buch habe ich dann einem bekannten französischen Karikaturisten (Jacques Faisan) zugeschickt, von dem ich wusste, dass auch er aus einer Hotelfachschule kam und bat ihn um seine Meinung. Seine ermutigende Antwort kam zufällig genau an dem Tag an, als ich eine Anzeige sah, wo man Nachwuchs für die Zeichentrickbranche gesucht hat. Dieses Gebiet hat mich schon immer fasziniert. Also hab‘ ich mir gedacht, das sehe ich mir einfach mal an. Ob die mich nehmen würden, wusste ich nicht, aber sie haben’s getan. In dieser Zeit habe ich dann tagsüber in Zeichentrick gearbeitet und abends in meinem erlernten Beruf. Das waren 18 Arbeitsstunden pro Tag. Als ich mit der Zeit festgestellt habe, dass mir das Illustrative mehr Spaß macht als das Hotelfach, habe ich die Fronten gewechselt.

Airbrush-Zeitung: Also hat schließlich doch die Familientradition gesiegt.

André Roche: Möglicherweise. In der Firma, wo ich dann war, habe ich nur noch an Zeichentrick gearbeitet. Dabei hatte ich Glück, dass es dort noch keine Animationszeichner gab, also Leute, die die Bewegung in einem Zeichentrickfilm einarbeiten. Diese Phasenzeichnerei war dann lange Zeit meine Hauptbeschäftigung. Neben dem Zeichentrick habe ich später auch noch Puppentrickfilme aus Knetmasse für eine Fernsehserie gemacht. Heute produziere und zeichne ich Werbetrickfilme, vom Storyboard bis zur vertonten Sendekopie.

Airbrush-Zeitung: Vielleicht habe ich vorhin was nicht ganz mitbekommen, aber mir ist noch nicht klar, wo Sie sich Ihre Kenntnisse auf diesem Gebiet angeeignet haben.

Abbildung 4André Roche: Nun, in meiner Familie waren einige, die sich auch damit beschäftigt haben. Deren Literatur habe ich verschlungen und von vorne bis hinten durchgearbeitet. Und dann hatte ich anfangs natürlich auch Glück, dass eben keine Vergleichsmöglichkeiten in der Firma, wo ich arbeitete, waren. Sonst hätten die womöglich gemerkt, dass ich noch in der Lernphase war. Später kamen Vollprofis aus Japan, Nordamerika und Osteuropa dazu. Zum Glück war ich zu diesem Zeitpunkt bereits weit genug, um nicht unangenehm aufzufallen. Ich wurde dann auch Art-Director, und habe z. B. mit John Halas aus London zusammengearbeitet Leider hatte sich der Geldgeber dieser Firma mit anderen Projekten verkalkuliert, so dass sie ihre Pforte zuschließen musste. Ich habe dann als freiberuflicher Animator in anderen Studios weitergearbeitet. Farbige Bilder hatte ich allerdings bis zu diesem Zeitpunkt noch keine gemacht.

Airbrush-Zeitung: Auf welchem Wege kamen Sie denn schließlich. an die Farbe?

Abbildung 5André Roche: Der Lizenzgeber der Rechte an der „Biene Maja“ suchte zu dieser Zeit einen Zeichner, der sich diesem Stil anpassen konnte. Dabei ging es jedoch nicht um Zeichentrickfilme, sondern um alles mögliche andere, wie Comic-Hefte, T-Shirts oder Kinderbücher. Nun, man hat mich dafür genommen, und ich war vorübergehend weg vom Trickfilm. Zwar nicht alle, aber doch einige Zeichnungen für diese Serie wurden auch farbig angelegt Obwohl ich damals noch nicht so viel Erfahrung mit Farbe hatte, sind meine Arbeiten dennoch gut angekommen.

Airbrush-Zeitung: Wie ich weiß, sind Sie heute ein vielbeschäftigter Mann. Es kann also nicht nur bei der Biene Maja geblieben sein. Wie hat sich Ihre Tätigkeit denn weiter entwickelt?

Abbildung 6André Roche: Man hat schnell festgestellt, dass ich mich sehr gut an vorgegebene Stilrichtungen anpassen kann. Also kamen immer mehr Aufträge aus dem Lizenzbereich, wo ich bereits eingeführte Serienfiguren bearbeiten musste. Inzwischen habe ich mit fast allen der berühmtesten Trickfilmfiguren gearbeitet. Anfangs hatte ich noch meine Schwierigkeiten mit der Farbe, doch die Zielgruppe meiner Zeichnungen waren ja hauptsächlich Kinder, so dass meine Farbvorstellungen ziemlich genau passten. Mit der Zeit habe ich mich aber sehr weiterentwickelt. Manche meiner jetzigen Kunden aus der Industrie, der Werbung oder dem Verlagswesen, für die ich seit Jahren nur realistische Bilder male, wissen nicht mal, dass ich auch Trick- und Comicfiguren zeichne.

Übrigens ist das Kopieren keine so leichte Sache, wie vielfach abfällig angenommen wird: Es bedarf einer sehr großen Beobachtungsgabe und viel Einfühlungsvermögens, um herauszukriegen, wie das Original wirklich gemacht wurde, so dass dem gegenüber keinen Unterschied festzustellen ist. Ich kopiere ja kein Bild exakt Strich für Strich, sondern ahme den Original-Zeichenstil in ganz neuen Bildern nach. Das verlangt manchmal nächtelange Knochenarbeit, vor allem, wenn keine Originalzeichnung zur Verfügung steht. Außerdem eine große Flexibilität, weil von Auftrag zu Auftrag die Aufgabe oft eine ganz andere ist, die mit vollkommen anderen Mitteln zu lösen ist Ich denke mir oft, dass ich es einfacher haben könnte, wenn ich einen Stil beibehalten würde, den ich dann aus dem Effeff kann.

Abbildung 7Das Heraustüfteln macht aber eine Menge Spaß: Ich komme mir oft wie ein Detektiv vor. Außerdem fühle ich mich mittlerweile in so vielen Stilrichtungen wohl, dass es leichter ist, darunter die optimale Technik für dieses oder jenes Thema zu wählen. Durch Kombination verschiedener Techniken entstehen auch ganz neue Malstile. Die autodidaktische Lernmethode hat sich für mich als sehr positiv erwiesen, weil ich damit genau das lerne, was ich wissen möchte, ohne einen Ballast von (für mich) uninteressantem Zeug auch mitschleppen zu müssen. Außerdem habe ich mittlerweile mitbekommen, dass Werdegang und Diplome keinen Kunden wirklich interessiert: Was zählt sind die Fähigkeiten und die Ergebnisse. Vielleicht deswegen habe ich auch so viel zu tun.

Airbrush-Zeitung: Wann kam denn bei Ihrer Arbeit zum ersten Mal die Spritzpistole zum Einsatz?

Abbildung 8André Roche: Damals habe ich Bilderbücher für die Biene Maja gemacht. Diese Arbeit wurde eigentlich sehr schlecht bezahlt. Was blieb mir anderes übrig, als nach schnelleren Techniken zu suchen. Mein Start in die Spritztechnik war Farbe aus der Dose. Später erinnerte ich mich, dass mein Bruder sein Auto mit einer Spritzpistole neu lackiert hat. Der glatte, gleichmäßige Farbauftrag war genau das, was ich brauchte. Damit habe ich meine Hintergründe koloriert.

Airbrush-Zeitung: Haben Sie dabei auch schon Maskiertechniken eingesetzt?

Abbildung 9André Roche: Noch nicht, denn mir war nicht klar, wie ich das anstellen sollte. Ich habe dann lediglich zuerst den Hintergrund gespritzt und dann darauf mit deckenden Temperafarben meine Illustrationen gesetzt. Bald schon wurde mir diese Technik zu „patzig“, zu dick waren die Farbschichten. Also bin ich einfach mal umgestiegen auf lasierende Farben. Ich habe zum Abdecken der Flächen, in die ich später meine Figuren rein malen wollte, die verschiedensten Techniken ausprobiert. Einmal habe ich es mit Papier und Tesafilm versucht, dann mit Gummilösung.

Airbrush-Zeitung: Konnte Ihnen Ihr Händler denn nicht weiterhelfen?

Abbildung 10André Roche: Damals war die Airbrush-Technik noch nicht so verbreitet und bekannt. Das einzige, was mir mein Händler anbieten konnte, war eine beidseitig klebende Folie zum Aufziehen von Fotos. Die habe ich eben verwendet und schon ganz passable Ergebnisse erzielt. Es war eben vom Preis her ganz interessant. Zum Teil arbeite ich heute auch noch damit.

Airbrush-Zeitung: War das der eigentliche Beginn des Airbrush-Zeitalters bei André Roche?

André Roche: So würde ich’s sagen. Anfangs habe ich immer mit Aquarellpapier gearbeitet, da darauf die gleichmäßigsten Flächen mit dem Pinsel möglich waren. Leider hatte das den Nachteil, dass die Farbe sofort weggesaugt wurde und unter meine Klebekanten floss. Wohl auch deswegen, weil ich mit dem Skalpell zu tief einschnitt. Das war vielleicht immer ein Erlebnis, wenn ich die Masken entfernt habe und die Bescherung sah.

Airbrush-Zeitung: Haben sich denn Ihr Maskierfilm und das Aquarellpapier gut miteinander vertragen?

Abbildung 11André Roche: Nicht immer. Ich habe viele verschiedene Sorten Papier ausprobiert, ehe ich die richtige fand. Später dann bin ich vom Aquarellpapier abgekommen und auf Reinzeichenkarton gewechselt. Das hatte den Vorteil, dass die gespritzten Flächen absolut glatt waren und auch der Klebefilm leicht wieder zu entfernen war. Inzwischen verwende ich bei manchen Bildern neben glattem Karton wieder Aquarellpapier, allerdings mit einem anderen Maskierfilm wie früher, so dass keine Unfälle mehr passieren.

Airbrush-Zeitung: Kommen wir zu Ihren Bildern. Wenn ich mir einige so anschaue, sehe ich, dass Sie auch andere Techniken neben der Spritzpistole eingesetzt haben. Welche waren das?

André Roche: Sehr viel habe ich mit dem Pinsel und der Feder gemacht, auch mit Buntstiften. Da ich mit transparenten Farben gespritzt habe, habe ich immer zuerst gezeichnet und gemalt und anschließend mit der Spritzpistole überarbeitet. Nur mit der Spritzpistole zu malen gibt den Bildern leicht ein künstliches Aussehen. Das ist bei manchen Themen wünschenswert, also ideal, bei anderen wiederum nicht

Airbrush-Zeitung: Welche Schwierigkeiten hatten Sie denn bei der Arbeit mit der Spritzpistole? Die Sache mit dem Papier haben wir ja schon gehört. Wie haben Sie denn Ihre Farben ausgesucht?

André Roche: Das war schon recht früh. Ich habe in dem Trickfilmstudio gesehen, welch‘ tolle Effekte der Hintergrundmaler mit seinen Farben erzielen konnte. Da habe ich eben gedacht, dass ich das auch könnte. Das hat geklappt.

Airbrush-Zeitung: Verraten Sie uns die Sorte?

André Roche: Eiweißlasur von Ecoline.

Airbrush-Zeitung: Können Sie sich denn noch erinnern, wann Sie ungefähr Ihre erste eigene Spritzpistole angeschafft haben? Oder ist das zu lange her?

André Roche: Genau weiß ich das nicht mehr. Ich erinnere mich nur noch daran, dass in dem Studio, wo ich arbeitete, eine firmeneigene Pistole da war. Jeder hat sie damals mit einiger Bewunderung angeschaut – und wieder in die Schublade geräumt. Als das Studio später geschlossen wurde, habe ich die gesamte Ausrüstung gekauft.

Airbrush-Zeitung: Gleich mit Antrieb und allem drum und dran?

André Roche: Ja, da war eine große Kohlensäureflasche und alle nötigen Anschlussstücke dabei. Ich arbeite jetzt immer noch damit. Heute benutze ich allerdings einen Kompressor, den ich wegen dem Lärm schalldicht eingepackt habe. Zu meiner alten Pistole sind drei dazu gekommen, die ich beim Malen abwechselnd verwende.

Airbrush-Zeitung: Die Bandbreite in Ihrer Arbeit ist ja ziemlich groß. Vom Comic angefangen über die Lizenzfiguren bis hin zu eigenen Figuren, wissenschaftliche oder realistische Illustrationen sowie Trickfilme. Wie kamen Sie an all diese Aufträge?

Ausgabe 3/86André Roche: Es spricht sich in der Branche schnell herum, wenn der eine oder andere besondere Fähigkeiten hat. Meine lagen dabei anfangs eben in meinem Einfühlungsvermögen in schon vorhandene Figuren oder Zeichenstile. Meine Kunden wollten, dass ich sie möglichst genau kopiere, manchmal aus lizenzrechtlichen Gründen, manchmal weil der Illustrator, den sie beschäftigten, gerade krank oder in Urlaub war, oder auch weil sie eben in ein bestimmtes Bild vernarrt waren, dessen Urheber jedoch nicht aufzutreiben war. So habe ich mir auch die meisten meiner Techniken angeeignet. Irgendjemand wollte etwas in einer ganz bestimmten Technik haben – und ich hab’s halt gemacht. Was ich noch nicht konnte, habe ich dann sozusagen unter Zwang gelernt. Es ist am leichtesten den Kunden zufriedenzustellen, wenn er selbst genau weiß, was er will. Das schwierigste an einem Auftrag ist es, eben das herauszukriegen. Zum Glück gibt es aber auch Kunden, die gegen ausschweifende Kreativität nichts einzuwenden haben. Das macht am meisten Spaß, muss aber geklärt werden, bevor man zu malen anfängt.

Airbrush-Zeitung: Eine Frage zum Schluss: Wie beurteilen Sie die Zukunft der Airbrush-Technik?

André Roche: Die Airbrush-Technik habe ich jahrelang auch im Trickfilmbereich bis heute angewendet Nun kommen langsam Computer auf den Markt, die diese Effekte zwar nicht billig, aber auf eine praktischere Art und besser erzielen können. Fast jede Fernsehanstalt arbeitet mittlerweile damit Diese Geräte werden laufend verbessert, so dass immer weniger Ingenieure und immer mehr Kreative damit arbeiten werden können. Es gibt auch Computer zur Herstellung von farbigen Dias. Vor ein paar Tagen habe ich von einem Gerät gehört, mit deren Tastatur man direkt Farblithos herstellen kann. Alle diese Geräte simulieren elektronisch perfekt die Airbrush-Technik, sind aber in der Anschaffung sündhaft teuer, und werden deshalb nur von größeren Firmen gekauft, die Ihre Leistungen in der Branche anbieten. Ob sie eines Tages den illustrativen Markt beherrschen werden, vermag ich heute nicht vorauszusehen. Trotzdem denke ich, dass die Spritzpistole wohl nie mehr ganz verschwinden wird. In erster Linie hängt das meiner Meinung nach sehr davon ab, was die Kunden, und nicht die Illustratoren, wollen. Eines Tages werden sie vielleicht wieder ganz was anderes bevorzugen. Ich weiß das nicht, könnte es mir aber vorstellen: Zum Beispiel die Werbung lebt nicht nur vom Wiederholen guter Ideen, sondern auch vom Überraschen durch Innovation. Wenn es soweit ist, werde ich, falls ich die neue Masche nicht schon kann, eben wieder lernen, um die Wünsche der Kunden zu erfüllen.

Airbrush-Zeitung: Vielen Dank und viel Erfolg auch weiterhin, Herr Roche!

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